Trost-Preise

Schweizer reden nicht gern über Geld. Ausser nach den Ferien. Foto: Francois Karm (Flickr)

Es waren einmal Herr und Frau Schweizer, die gingen morgens um acht arbeiten und blieben bis fünf im Büro. Sie waren wertvolle Mitarbeiter, diszipliniert und bescheiden. All ihr Geld sparten sie für die paar Wochen Ferien, die sie jährlich hatten. Aber jammern wollten sie nicht, zumindest nicht grundsätzlich. Die Option einer zusätzlichen Woche schlugen sie damals, als sie darüber abstimmen konnten, aus. Wer sollte denn dann für die Wirtschaft schauen, den Wohlstand? Über ihren Lohn redeten sie nie. Vielleicht grummelte er mal hinter verschlossener Schlafzimmertür, aber unter Freunden war Geld kein Thema. Da kann man sich nur falsch verstehen, dachte sie, und er pflichtete ihr bei: Es gibt so viele Neider, und er würde wetten, dass Nachbar C. H. beschämend viel bekommt, bei dem Auto.

Stattdessen assen Herr und Frau Schweizer im Büro zweimal in der Woche die Resten von zu Hause. Jeder gesparte Franken war ein kleiner Sieg, sie taten ihn in ihr Ferienkässeli. In den Ferien liessen sie die Seele baumeln, tranken schon vormittags Cüpli. Nach zwei Wochen kehrten sie berauscht zurück: vom super Wetter, vom guten Essen, von den netten Leuten. Vor allem aber von den Preisen. Alles so günstig! Die Flüge! Das Hotel! Die Restaurants! Das gemietete Auto! Sogar die Medikamente, die hochwertigen Lederschuhe – alles viel billiger! Sie konnten es kaum fassen. Und mussten es immer wieder erzählen. Zuerst einander, dann der Familie. Dann den Freunden. Dann dem Bekannten auf der Strasse, dem Autohändler, der Frau in der Drogerie. So euphorisiert waren die beiden noch nie. Sie steckten die anderen an, und auch diese prahlten mit günstigen Ferienmomenten – bis sie alle merkten, dass sie am nächsten Tag wieder arbeiten mussten. Und früh ins Bett gingen. (Tages-Anzeiger)

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Ein Gedanke zu “Trost-Preise

  1. Matteo schreibt:

    Dein Text ”Goldiges Glarus” im Tagi ist einfach perfekt!
    Wunderbar wie du das in Worte fassen konntest, was uns Heimwehglarnern (oder eben nicht) so durch den Kopf geht wenn uns die Schwerkraft wieder einmal zurück in den ”Schlitz” zieht.
    Ich hoffe es gibt bald wieder einmal etwas von dir zu lesen!

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