Ich kann dich nicht hören

Chefs fremdeln mit jungen Frauen und ihrer dezenten Art. Foto: Francois Karm (Flickr)

Junge Frauen gelten als Bildungsgewinnerinnen. Im Berufsleben angelangt, stolpern sie das erste Mal. Warum?

Wer schreit, den hört man. Ernst nimmt man ihn aber nicht unbedingt, denn was überzeugt, ist das bessere Argument und nicht die lautere Stimme. Das lernen wir in der Schule, das lernen wir in der Familie. Jeder weiss das. Trotzdem heisst es am Arbeitsplatz gegenüber jungen Berufseinsteigern, vor allem gegenüber jungen Frauen, plötzlich: Du musst lauter sein. Du musst dich besser verkaufen, sonst bemerkt dich keiner. Und das wäre schade, denn du bist gut. Es sind wohlwollende Ratschläge von Männern und Frauen, meistens Vorgesetzten, die aus Erfahrung sprechen. Personen, die sich im Verlauf ihrer Karriere immer wieder behaupten mussten, bis sie schliesslich in jenen Positionen angelangt sind, die sie angestrebt hatten. Man könnte also sagen: Diese Leute sind das System. Wer so spricht wie sie, hat die Strategien, wie man weiterkommt, erkannt und verinnerlicht. Diese Strategien wollen sie nun dem potenten Nachwuchs weitergeben. Das ist ihre Art zu fördern. Das ist der Blick von oben.

Unten sieht es etwas anders aus. Unten, ausserhalb des Systems, wartet eine neue Generation leistungsstarker Männer und Frauen. Sie ist verwöhnt von ihrem Erfolg in der Ausbildung, sie hat klare Vorstellungen davon, wie Beruf und Familie zu vereinbaren wären. Sie will vieles geben, fordert aber auch einiges zurück.

Dabei gelten die jungen Frauen als Bildungs­gewinnerinnen: Im Schnitt machen 23 Prozent der Frauen in der Schweiz Matura, während die Quote bei den Männern zwischen 16 und 17 Prozent liegt. Die Frauen stellen die Mehrheit der Studienabgänger: 2014 waren 51 Prozent der Studenten, die den Master erlangten, Frauen. 2005 waren es noch knapp 30 Prozent. Auch in Deutschland schneiden junge Frauen bei fast allen Prüfungen im Schul- und Hochschulsystem besser ab als die jungen Männer.

Diese jungen Frauen bringen viel Potenzial mit. Gemäss der aktuellsten Shell-Jugendstudie, die in Deutschland alle vier Jahre durchgeführt wird, setzen sie vermehrt auf Karriere. Ihre Voraussetzungen für ein gelingendes Berufsleben sind optimal – und trotzdem können sie den Vorsprung, den sie im Vergleich zu ihren männlichen Kollegen haben, im Job oftmals weder halten noch ausweiten. An der Schwelle von der Ausbildung in den Beruf stolpern die Frauen das erste Mal. Woran liegt das?

Ist das System das richtige?

Es liegt daran, dass sie leise sind. Kürzlich schrieb der deutsche Bildungs- und Jugendforscher Klaus Hurrelmann in der «Zeit»: «Die meisten Männer in Führungspositionen, die in Deutschland immer noch eine überwältigende Mehrheit ausmachen, fremdeln mit den jungen Frauen und ihrer dezenten Art.» Im Zweifelsfall würden diese einen mittelmässig qualifizierten, aber forsch und kantig auftretenden männlichen Bewerber vorziehen. Der Mann, schreibt Hurrelmann, bringe vertraute Verhaltensweisen mit, er passe sicher ins bestehende System.

All die erfahrenen Kollegen und Kolleginnen haben also recht mit ihrem Tipp, den sie den Jüngeren geben. Zumindest in der Logik des bestehenden Systems. Die Frage ist aber nicht, ob dieser Ratschlag richtig ist, sondern ob das System das richtige ist. Wenn man das Berufsleben ähnlich verstünde wie das Schulleben, das Leben an der Universität, dann müsste man statt auf Gleichheit auf Verschiedenheit setzen. Dann müsste man Platz schaffen für die, die von der Norm abweichen. Die ruhiger sind zum Beispiel, aber deswegen nicht weniger leistungsbereit. Die anders sind und darum andere Ideen mitbringen.

Die Vorgesetzten wären es, die mutiger auftreten müssten. (Tages-Anzeiger)

Share on FacebookEmail this to someoneTweet about this on Twitter

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *