Feminismus als Verbrechen

Die iranische Genderforscherin Homa Hoodfar sitzt im Gefängnis – wegen angeblicher revolutionärer Aktivitäten.

Niemand weiss, warum Homa Hoodfar seit drei Wochen in Teheran inhaftiert ist. Die kanadischiranische Anthropologin reiste im Februar in den Iran, um Verwandte zu besuchen. Am Abend vor ihrer Rückkehr nach Kanada wurde ihre Wohnung durchsucht und wurden ihre Pässe konfisziert. Der Geheimdienst der iranischen Revolutionsgarden, einer paramilitärischen Organisation, verhörte sie daraufhin mehrmals und verlegte sie Anfang Juni ins Evin-Gefängnis – das für winzige Einzelzellen, Folter und sexuellen Missbrauch berüchtigt ist. Weder Hoodfars Anwalt noch ihre Angehörigen haben seither Kontakt zu ihr. Eine offizielle Begründung für die Verhaftung fehlt. Dennoch berichten iranische Medien mit Verbindung zu den Revolutionsgarden, Hoodfar habe geplant, eine «feministische Revolution gegen die Iranische Republik» durchzuführen.

Wahr ist, dass Hoodfar dem internationalen Forscherinnen-Netzwerk «Frauen unter islamischem Recht» angehört. Als emeritierte Professorin der Concordia-Universität in Montreal forscht sie zur gesellschaftlichen Lage von Frauen in islamischen und westlichen Staaten und befasst sich mit Frauenrechten in muslimischen Ländern. In den vergangenen Jahren interessierte sie sich vermehrt auch für Frauenbewegungen in der islamischen Welt.

Dass diese rein wissenschaftliche Aktivität nun als politische Gefahr bewertet wird, zeigt, wie willkürlich das Regime im Iran mit seinen Bürgern umgeht – auch mit einer über 60-jährigen Frau, die an einer seltenen Krankheit leidet und im Ausland lebt. Und es offenbart, wie paranoid ein solcher Staat ist: Hoodfars Aufenthalt fiel mit Parlamentswahlen zusammen, bei denen die Zahl der Politikerinnen die der Geistlichen das erste Mal seit 1979 überstieg. In den Zeiten dieser scheinbaren Öffnung ist Homa Hoodfar zu ihrem eigenen Fall geworden. (Tages-Anzeiger)

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