Die neuen Wetterer

So kann Wetter auch spannend sein: Sandra Boner weiss nicht, dass sie bereits auf Sendung ist. Quelle: SRF/Youtube

Er könne sich nicht vorstellen, dass auch junge Menschen übers Wetter reden würden, sagte der Meteorologe Jörg Kachelmann gestern im Interview mit dem «Tages-Anzeiger». Das täten doch nur die alten Leute. Zumal jetzt jeder diese Wetter-Apps auf dem Handy habe, die das Reden überflüssig machten. Kachelmann irrt: Und ob die Jungen darüber sprechen! Sie tun es einfach aus einem anderen Grund als die Alten. Sie machen es, wie es sich für Junge gehört, mit einer anständigen Portion Existenzialismus.

Mit dem Verweis auf den Schnee, der wahlweise fehlt/endlich, wenn auch spärlich liegt/ schon wieder weg ist, oder auf den Nebel, der die Sicht versperrt/auf die Stimmung drückt/die Sonne zu einem Mythos werden lässt, versuchen sie nicht etwa, eine unangenehme Stille zu überbrücken. Das Wetter als Smalltalk-Thema hat ausgedient. Es ist jetzt vielmehr die Metapher, die für alles Schlechte von oben herhalten muss: der Klimawandel als ideale Analogie für den sarkastischen und urbanen Wetterer, vielseitig anwendbar und äusserst alltagstauglich. Ein aktuelles Beispiel gefällig?

Zwei Mittzwanziger und zwei Anfangdreissiger haben neulich in der Kantine zusammen zu Mittag gegessen. Auf dem Menüplan standen Kartoffelpüree mit Gemüse und Trutenbrust. Die Sauce war allerdings weder dezent über das Stück Fleisch geträufelt noch als hübsches Seelein in eine der beiden Püreekugeln eingelassen, wie man dies von früher kennt und sich insgeheim zurückwünscht. Nein, die braune Flüssigkeit tränkte die beiden Kugeln, die Erbsen und Karotten richtiggehend – eigentlich war die Sauce eine Flut, die bereits über den Tellerrand schwappte. Es war kein schöner Anblick und auch kein appetitlicher.

Da sassen sich also die vier jungen Menschen am Tisch gegenüber und analysierten den Tellerinhalt wie eine Landschaft: Die Kartoffeln waren die Berge, das Gemüse die Häuser und die Sauce das Hochwasser, das alles niederriss und nicht mehr zu kontrollieren war. Sie nickten sich zu und taten, was der Mensch in solchen Situationen immer tut: über die Gegebenheiten hinwegsehen und denken, dies lasse sich halt auch nicht mehr ändern. Ob das jetzt der Klimawandel ist oder das Essen in der Kantine.

Share on FacebookEmail this to someoneTweet about this on Twitter

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *